Wer eine Praxis gründet oder übernimmt, denkt fast automatisch an die Großstadt: mehr Patienten, mehr Sichtbarkeit, mehr Prestige. Die Zahlen erzählen aber eine andere Geschichte – und die lohnt sich genauer anzusehen, bevor man sich auf einen Standort festlegt.
Die Ärztedichte in deutschen Großstädten ist in den letzten zwei Jahrzehnten deutlich gestiegen. Lagen die Werte in städtischen Regionen Anfang der 2000er noch bei 500 bis 550 Ärzten pro 100.000 Einwohner, sind es heute rund 700. In Hamburg kommt mittlerweile ein Arzt auf nur noch 127 Einwohner. Das bedeutet: In vielen Großstädten ist die fachärztliche Versorgung längst gesättigt – und für Neugründer wird der Markt eng.
Was die Konkurrenzdichte für dich bedeutet
Eine hohe Ärztedichte ist aus Patientensicht gut, aus unternehmerischer Sicht aber eine Herausforderung. Mehr Praxen auf derselben Fläche bedeuten: mehr Wettbewerb um Patienten, längere Zeit bis zur Etablierung eines stabilen Patientenstamms, und in bedarfsplanungsrelevanten Fachgebieten oft schlicht keine freie Zulassung mehr, weil der Planungsbereich gesperrt ist.
Die Kassenärztlichen Vereinigungen sperren einen Planungsbereich für Neuzulassungen, sobald der Versorgungsgrad 110 Prozent erreicht. In den meisten deutschen Großstädten ist genau das in den gefragten Fachrichtungen längst der Fall – wer dort starten will, braucht oft einen Nachfolgesitz statt einer Neuzulassung, was die Auswahl und den Preis deutlich beeinflusst.
Die Mittelstadt: unterschätzt, aber wirtschaftlich oft im Vorteil
In mittelgroßen Städten und ihrem Umland sieht das Bild anders aus. Die Versorgungsplanung unterstellt Großstädten explizit einen hohen Mitversorgungsgrad für das Umland – das heißt, ländliche und mittelstädtische Bereiche werden bei der Bedarfsplanung systematisch knapper kalkuliert. Für einen HNO-Arzt etwa sieht die Planung in der Großstadt nur rund 17.700 Einwohner pro Arzt vor, in ländlichen Regionen sind es etwa 80 Prozent mehr. Diese Lücke bedeutet in der Praxis: mehr potenzielle Patienten pro niedergelassenem Facharzt, sobald man sich von den Top-Lagen der Großstädte etwas entfernt.
Hinzu kommt ein Effekt, der bei der Standortwahl oft unterschätzt wird: die Treue der Privatpatienten. PKV-Versicherte wandern in der Regel nicht für jede Behandlung in die nächste Großstadt ab, wenn vor Ort eine kompetente Praxis existiert – sie bleiben dem Arzt ihres Vertrauens treu, gerade in Mittelstädten mit überschaubarer Arztauswahl. Das stabilisiert den PKV-Anteil am Praxisumsatz deutlich stärker, als man in einer Großstadt mit zehn konkurrierenden Praxen im selben Fachgebiet erwarten könnte.
Die wirtschaftliche Gesamtrechnung
Drei Faktoren sprechen strukturell für die Mittelstadt, wenn man nicht aus persönlichen Gründen an eine bestimmte Großstadt gebunden ist:
- Geringere Konkurrenzdichte – kürzere Zeit bis zur Vollauslastung der Praxis, bessere Verhandlungsposition bei der Patientenakquise
- Stabilerer Privatpatientenanteil – PKV-Patienten bleiben lokal gebunden statt zwischen mehreren Großstadtpraxen zu wechseln
- Niedrigere Fixkosten – Mietpreise für Praxisräume liegen in Mittelstädten oft 30 bis 50 Prozent unter vergleichbaren Großstadtlagen, bei ähnlichem Einzugsgebiet durch Pendler und Umland
Bei stark spezialisierten Leistungen mit kleinem Patientenkreis (seltene Eingriffe, hochspezialisierte Diagnostik) oder wenn Kooperationen mit Universitätskliniken und anderen Spezialisten für die eigene Praxis wichtig sind, kann die Großstadt trotz höherer Konkurrenz die bessere Wahl sein. Auch wer stark auf Selbstzahler-Leistungen (IGeL, ästhetische Medizin) setzt, profitiert von der höheren Kaufkraft-Dichte der Großstadt.
Worauf du bei der Standortanalyse konkret achten solltest
Fazit
Die Großstadt ist nicht automatisch die wirtschaftlich klügere Wahl für eine Praxisgründung – in vielen Fachrichtungen ist sogar das Gegenteil der Fall. Wer sich von der vermeintlichen Sicherheit der hohen Patientendichte in der Großstadt nicht blenden lässt und stattdessen die tatsächliche Versorgungssituation, den Privatpatientenanteil und die Kostenstruktur in Mittelstädten der Region vergleicht, trifft häufig die wirtschaftlich nachhaltigere Entscheidung – und das oft verbunden mit einer deutlich kürzeren Durststrecke bis zur vollen Auslastung der eigenen Praxis.