Eine neue Röntgenanlage kostet 60.000 bis 70.000 Euro. Ein hochauflösender Ultraschall liegt bei rund 20.000 Euro. Wer eine Praxis neu ausstattet oder eine bestehende übernimmt, steht schnell vor einer sechsstelligen Investitionssumme – und stellt sich zwangsläufig die Frage: Muss das alles neu sein?
Die kurze Antwort: nein, nicht immer. Der Gebrauchtmarkt für Medizintechnik ist größer und seriöser als viele Berufseinsteiger annehmen. Aber er hat eigene Regeln, die man kennen sollte, bevor man unterschreibt.
Warum überhaupt gebraucht kaufen?
Medizingeräte werden nach den amtlichen AfA-Tabellen über 5 bis 10 Jahre abgeschrieben – aber das bedeutet nicht, dass ein 4 Jahre altes Gerät nach diesem Zeitraum unbrauchbar wird. Viele Geräte laufen technisch problemlos 15 Jahre und länger, wenn sie gewartet wurden. Der Werteverlust in den ersten Jahren ist oft deutlich höher als der tatsächliche Funktionsverlust – ein Effekt, den man beim Gebrauchtkauf für sich nutzen kann.
Besonders bei der Praxisgründung, wenn das Kapital ohnehin durch Kredit, Kaution und Umbaukosten gebunden ist, kann der Griff zu gebrauchter Ausstattung den Unterschied machen zwischen einer komfortablen Liquiditätsreserve und einer angespannten ersten Praxisphase.
Eine Faustregel aus der Praxis: Gebrauchte Geräte mit Wartungsnachweis und Garantie kosten meist 40 bis 60 Prozent des Neupreises – bei einem Alter von 3 bis 5 Jahren. Das ist oft die wirtschaftlich sinnvollste Phase für einen Kauf, weil die größte Wertminderungskurve bereits durchlaufen ist.
Was beim Gebrauchtkauf wirklich zählt
1. Wartungshistorie verlangen, nicht nur glauben
Jedes ordnungsgemäß betriebene Medizingerät hat ein Wartungsbuch oder digitale Wartungsprotokolle. Lassen Sie sich diese lückenlos vorlegen. Fehlende oder unvollständige Protokolle sind ein Warnsignal – nicht zwingend ein Betrugsversuch, aber ein Hinweis auf mangelnde Sorgfalt des Vorbesitzers.
2. Sicherheitstechnische Kontrolle (STK) und Messtechnische Kontrolle (MTK)
Nach Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV) müssen bestimmte Gerätekategorien regelmäßig sicherheitstechnisch kontrolliert werden – bei Röntgengeräten zusätzlich die Konstanzprüfung nach Röntgenverordnung. Verlangen Sie aktuelle Prüfprotokolle. Ein Verkäufer der hier zögert, hat meist etwas zu verbergen.
3. Herstellersupport und Ersatzteilverfügbarkeit prüfen
Ein günstiges Gerät nützt wenig, wenn der Hersteller die Modellreihe eingestellt hat und Ersatzteile nicht mehr lieferbar sind. Vor dem Kauf beim Hersteller oder Vertriebspartner direkt nachfragen, wie lange das Modell noch supportet wird.
4. Software- und Schnittstellenkompatibilität
Gerade bei Ultraschall- und Röntgengeräten ist die Anbindung an die Praxisverwaltungssoftware (PVS) und das Bildarchiv (PACS) entscheidend. Ältere Geräte nutzen teils veraltete DICOM-Standards oder benötigen Zusatzhardware für die Integration – das kann unerwartete Zusatzkosten verursachen.
Geräte aus aufgelösten Einzelpraxen ohne Wartungsvertrag oder von Online-Kleinanzeigen-Plattformen sollten Sie nur mit unabhängiger technischer Prüfung vor Ort kaufen. Die Ersparnis ist hier oft am größten, das Risiko aber auch.
Realistische Preisspannen im Überblick
| Gerät | Neupreis | Gebraucht (3–5 J.) |
|---|---|---|
| Ultraschall (hochauflösend) | 20.000 € | 9.000–13.000 € |
| Röntgenanlage | 60.000–70.000 € | 25.000–40.000 € |
| Arthroskopie-Turm | 10.000 € | 4.000–6.500 € |
| Stoßwellengerät (radial) | 10.000–15.000 € | 5.000–8.000 € |
| EKG-Gerät | 1.000–3.500 € | 500–1.800 € |
Richtwerte, stark abhängig von Hersteller, Modell, Zustand und Marktlage. Keine Garantie für aktuelle Marktpreise.
Wo seriöse Anbieter zu finden sind
Der Markt für gebrauchte Medizintechnik ist professioneller organisiert als man zunächst denkt. Spezialisierte Händler bieten in der Regel Garantie, Einweisung und teilweise auch Wartungsverträge mit an – das rechtfertigt einen höheren Preis gegenüber dem Privatverkauf, reduziert aber das Risiko erheblich.
Auch Hersteller selbst vermarkten teils generalüberholte Rückläufer-Geräte (sogenannte „Refurbished"-Geräte) mit vollem Werksstandard und Garantie – eine Option, die viele Praxisgründer übersehen.
Fazit
Gebrauchte Medizintechnik ist für viele Praxisgründer eine wirtschaftlich sinnvolle Option – vorausgesetzt, man kauft mit der gleichen Sorgfalt, mit der man auch einen Patienten untersuchen würde: gründlich, dokumentiert, ohne sich von einem guten Preis blenden zu lassen. Wer Wartungshistorie, Prüfprotokolle und Herstellersupport konsequent prüft, kann mehrere zehntausend Euro sparen, ohne bei der Versorgungsqualität Kompromisse einzugehen.